Auf den Hatzfelder Höhen erhebt sich ein Klang: Der Chor, der sich neu erfand
Wuppertal, Hatzfeld. 1928, in einer kleinen Siedlung hoch über dem Wuppertal, trafen sich Männer, die nicht nur ihre Stimmen, sondern auch ihre Gemeinschaft in den Vordergrund stellten. Der Hatzfelder Sängerchor Wuppertal 1928 e.V. war geboren. Fast ein Jahrhundert später ist aus diesem klassischen Männergesangverein ein lebendiger, vielstimmiger Chorverbund geworden – eine musikalische Familie mit gleich fünf Ensembles. Was sich wie ein Erfolgsmärchen liest, war ein Kampf um Relevanz, Identität und Zukunft.
Der Anfang: Harmonie auf den Höhen
In den späten 1920er-Jahren war das Singen in Männerchören in Deutschland weit verbreitet. In Hatzfeld, einem Stadtteil von Wuppertal, wurde daraus 1928 ein fester Bestandteil des Gemeindelebens. Der Chor war nicht nur ein Freizeitvereinsprojekt, sondern ein identitätsstiftendes Element: Männer sangen zusammen, übten, traten auf – und verbanden sich durch ihre Stimme mit ihren Nachbarn.
In seinen Glanzzeiten umfasste der Chor bis zu 72 Sänger, ein Zeichen dafür, wie stark der Chorgesang damals war. Doch er blieb nicht lokal begrenzt: Konzertreisen führten die Hatzfelder nach Rom, Wien, Budapest oder Paris. Diese Ausflüge waren nicht nur Bühne, sondern Manifest: Der Männerchor war keine beschauliche Hobbygruppe, sondern leistungsorientiert, ehrgeizig, stolz.
Rückschlag und Krise: Wo Chöre zerren
Doch wie viele Traditionsvereine erlebte der Hatzfelder Sängerchor in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Vertrauensverlust — die Mitgliederzahlen schrumpften, die Proben wurden weniger, die Zukunft unsicher. Insbesondere in den 1990er-Jahren sah es düster aus: Es fehlte an jungen Stimmen, an Motivation, an Perspektive.
Dann kam 1998 eine unerwartete Wendung: Svetlana Stenin, eine junge, talentierte Dirigentin, übernahm das Regiment. Es war nicht nur ein Wechsel im Taktstock, sondern ein symbolischer Bruch: Sie war die erste Frau, die den Chor dirigierte. Und ihre Vision war klar: Es musste etwas Neues entstehen, wenn der Chor überleben wollte. :
Die Wende: Als Frauen die Melodie übernahmen
2008 war ein entscheidendes Jahr: Der Verein gründete den gemischten Chor „Mixed Harmonie“. Damit wurde nicht nur der musikalische Horizont erweitert – es war ein mutiger Schritt in eine völlig neue Richtung. Und er zahlte sich aus. Denn aus einem Männerchor wurde eine institutionelle Chorfamilie – fünf Stimmen unter einem Dach:
- Hatzfelder Sängerchor (Männerchor)
- Mixed Harmonie (gemischter Chor)
- Ladies Harmonie (Frauenchor)
- chor:us! (Pop- / Rock-Chor)
- Vocal Harmonie (Kammer- bzw. Projektchor)
Diese Aufteilung war nicht nur taktisch clever, sondern auch inhaltlich radikal: Jeder Sänger und jede Sängerin konnte sich einen Teil dieser Gemeinschaft aussuchen – je nachdem, welche Art von Musik ihn oder sie bewegte.
Svetlana Stenin, die Dirigentin, wurde dafür zum Dreh- und Angelpunkt: Sie leitete nicht nur den Männerchor, sondern war Gesamtleiterin für mehrere Stimmen und Chöre. Ihre Ausbildung aus Russland, ihr Dirigierstil und ihre Begeisterung gaben dem ganzen Verein neuen Schwung.
Auftritt, Repertoire, Gemeinschaft
Die verschiedenen Chöre treten regelmäßig gemeinsam auf, etwa bei großen Jahreskonzerten oder thematischen Projekten. Ein Beispiel: Im Mai 2018 gab es ein Konzert in der Lutherkirche Barmen, bei dem gleich sechs Chöre der Hatzfelder Sängerfamilie auftraten – darunter auch ein Musical-Projektchor, und … kurz: Pop und Klassik trafen in einem einzigen Abend.
Das Repertoire ist ebenso breit wie ambitioniert: Von Bach über Gershwin bis hin zu Popklassikern wie „New York, New York“ oder „Oh Happy Day“ decken die Chöre ein Spektrum ab, das viele traditionelle Chöre alt aussehen lässt.
Gerade bei Weihnachtskonzerten zeigt sich die vereinte Kraft: So spielte die Chorfamilie 2022 in der Lutherkirche Heidt ein Programm unter dem Motto „Christmas Carols“ mit modernen Adventsliedern und klassischen Werken von John Rutter.
Neue Projekte, neue Stimmen
Kaum hat man sich erholt, wirbt der Chor weiterhin für neue Mitglieder. Auf der Vereinsseite heißt es: „Deine Stimme gehört in unseren Chor!“ – egal ob Anfänger oder erfahrener Sänger. Notenlesen? Keine Pflicht. Erfahrung? Schön, aber nicht notwendig.
Laut FAQ des Vereins gibt es drei kostenlose Schnupperproben, und der Monatsbeitrag ist moderat (ca. 18 € für einen Chor, + 12 € für jeden weiteren Chor).
Bedeutung für Hatzfeld – und darüber hinaus
Was in Hatzfeld begann als eine lokale, traditionelle Sängervereinigung, ist heute ein kulturelles Leuchtturmprojekt für Wuppertal. Der Wandel des Chores spiegelt nicht nur die Herausforderungen vieler Gesangsvereine wider (Mitgliederschwund, demografischer Wandel), sondern auch, wie man ihnen begegnen kann: mit Mut, Vielfalt und Gemeinschaft.
Nicht nur für die Sänger:innen selbst ist der Chor ein Zuhause. Das „Hatzfelder Musikfest“ etwa, bei dem mehrere Chöre auftreten, ist inzwischen Teil des lokalen Kulturlebens. :contentReference[oaicite:25]{index=25} Und in einer Stadt wie Wuppertal, die ihre historischen Stadtteile bewahren will, steht dieser Chor für eine Kultur, die beides ist: verwurzelt und lebendig.
Fazit: Der Klang der Zukunft
Der Hatzfelder Sängerchor Wuppertal 1928 e.V. ist kein Verein, der sich mit Nostalgie zufriedengibt. Er ist eine Geschichte über Wandel, Widerstand und kreative Erneuerung. Aus dem klassischen Männerchor sind fünf eigenständige Stimmen geworden, und längst singen nicht nur die bekannten Alten aus Hatzfeld, sondern neue Generationen, neue Musikstile, neue Träume.
Manchmal braucht es eine Frau am Pult, um einen alten Verein neu klingen zu lassen. Manchmal braucht es Mut, Gesang neu zu denken. Und manchmal reicht es, die eigene Stimme zu erheben. Denn in Hatzfeld gilt bis heute: Wer singt, lebt.